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Weniger Angst und mehr Lebensqualität für Defibrillator-Patienten

Psychologen der Universität Würzburg haben gemeinsam mit Kardiologen vom Deutschen Zentrum für Herzinsuffizienz Würzburg (DZHI) und sechs weiteren kardiologischen Studienzentren, u.a. der Kardiologie der ANregiomed-Klinik Rothenburg, eine moderne, unkomplizierte und vor allem nachhaltige Lösung gefunden, wie man das Leben von Herzkranken, bei denen der implantierte Kardioverter-Defibrillator (kurz ICD oder Defi) zu erheblichen psychischen Problemen geführt hat, langfristig verbessern kann. Ängste, aber auch die häufig damit einhergehende Depression werden nachweislich durch ein sechswöchiges, moderiertes Internet-Training mit Hilfe zur Selbsthilfe reduziert. Das Ergebnis der Studie wurde kürzlich in der renommierten und international führenden kardiologischen Fachzeitschrift „European Heart Journal“ online publiziert.

Es ist schon länger bekannt, dass eine Herzinsuffizienz häufig mit einer Depression einhergeht. Die Angst vor dem Schock ist bei vielen Patienten mit einem implantierten Defi groß. Zum einen, weil der heftige Stromschlag in der Brust schmerzhaft sein kann, zum anderen weil man ohne ihn möglicherweise tot wäre. Seit Jahren empfehlen die Leitlinien, herzkranke Patienten auf eine depressive Belastung zu screenen. Wie Dr. Stefan M. Schulz, Psychologe der Universität Würzburg sowie Leiter der Multi-Center Studie und PD Dr. Christian Wacker, Chefarzt der Kardiologie der Klinik Rothenburg sowie Leiter des Rothenburger Studienzentrums erklären, fehlte bislang aber nachhaltige und vor allem im klinischen Alltag realisierbare psychologische Unterstützung. „Unsere Studie hat hier einen Durchbruch geleistet“, so die beiden Wissenschaftler. „Wir konnten zeigen, dass eine Internetintervention nicht nur nachhaltige Erfolge hat, sondern auch organisatorisch zu leisten ist und in den Klinikalltag integriert werden kann.“

Senioren erstaunlich gut versiert mit dem Internet

Für die Studie wurden mehr als 1.200 Patienten in Würzburg und sechs weiteren Zentren – darunter auch die Klinik Rothenburg – gescreent. Voraussetzung für die Teilnahme an der Studie war ein implantierter Defibrillator sowie eine erkennbare und messbare psychische Belastung. Außerdem sollten alle Studienteilnehmer dem Internet gegenüber aufgeschlossen sein. „Die meisten Patienten in der Altersgruppe um 65 kannten sich mit dem Internet erstaunlich gut aus, was die Zukunftsfähigkeit dieses Mediums, mit dem viele Patienten erreicht werden können, unterstreicht“, so Dr. Schulz. 118 Patienten haben schließlich an der Studie teilgenommen. Während die Hälfte von ihnen Teil einer randomisierten Kontrollgruppe ohne Internetintervention war, nahm die andere Hälfte in Gruppen zwischen 10 und 20 Teilnehmern an einer sechswöchigen Webschulung unter der Moderation von Dr. Schulz teil. Die Teilnehmer durften Fragen stellen, sich mit den anderen in einem Diskussionsforum unterhalten, mussten aber auch an den wöchentlichen Schwerpunktthemen, die sukzessive freigeschaltet wurden, interaktiv teilnehmen.

Von Angst bis Krisen meistern: jede Woche ein neues Thema!

Nachdem in der ersten Woche das System erklärt wurde, stand in der zweiten Woche der Defi im Fokus. „Die Patienten haben enorme Wissenslücken, aus denen wiederum Ängste entstehen“, erläutert Schulz. „Einige Patienten haben zum Beispiel Angst, die Schranken in den Eingangstüren großer Geschäfte zu passieren, weil Gerüchte kursieren, dass die Elektrik die Defibrillatoren ausschaltet.“ In der dritten Woche ging es um Depressionen. „Wichtig war uns hier, Hilfe zur Selbsthilfe zu vermitteln, so dass Gelerntes auch nach Beendigung des Programms weiter wirksam sein kann“, so Schulz. Die vierte Woche war auf Ängste fokussiert. Wichtige Themen seien hier zum Beispiel die Vorbereitung auf die letzte Lebensphase und das Lebensende. Unsicherheiten zu reduzieren, etwa in Form von Patientenverfügungen, sei hier ein wichtiger Schritt. In der fünften Woche konnten Teilnehmer aus unterschiedlichen Modulen (Umgang mit Stress, weiterführende Hilfsangebote, Krankheitsmanagement) das für sie passende wählen. In der sechsten und letzten Woche ging es darum, diesen individuellen Fokus zu vertiefen. „Wir haben ganz bewusst nach sechs Wochen ein Ende gesetzt, sonst wäre die Verlockung groß, wichtige Fragen zu verschieben“, sagt Stefan Schulz.

Praktikabler Weg, um Lebensqualität zu verbessern

Der psychische Status der Patienten wurde vor und nach der sechswöchigen Schulung erfasst und ein Jahr später erneut beurteilt. Bereits direkt nach der Schulung zeigte sich, dass die Teilnehmer von der Schulung profitierten. Nach einem Jahr standen die geschulten Patienten sogar deutlich besser da als die Patienten ohne Behandlung aus der Kontrollgruppe. „Das zeigt eindrücklich, dass die Patienten während des sechswöchigen Trainings eine Kompetenz erworben haben, wie sie mit der Angst umgehen können“, resümieren Dr. Schulz und PD Dr. Wacker. „Wir haben einen Samen für etwas gesät, das wächst, wenn es gebraucht wird. Die Patienten wurden für bestimmte Problemstellungen sensibilisiert und haben sich im späteren Verlauf an die Werkzeuge erinnert, die wir ihnen mitgegeben haben.“

Für die Psychologen und Kardiologen aus der Universität Würzburg, dem DZHI und den beteiligten Kliniken ist diese Studie, die als erste diese positiven Effekte zeigt, ein Türöffner. „Wir können uns gut vorstellen, die Internetintervention deutschlandweit anzubieten, aber auch auf andere Zielgruppen zu erweitern“, erläutert PD Dr. Christian Wacker als Leiter des Rothenburger Studienzentrums. „Viele Belastungsfaktoren, die wir in unserer Studie in den Fokus genommen haben, betreffen nämlich auch Herzpatienten ohne Defi. Unsere webbasierte Schulung eröffnet einen praktikablen Weg, die Lebensqualität von psychisch belasteten herzkranken Patienten nachhaltig zu verbessern“.

 

PD Dr. Christian Wacker zeigt einen implantierbaren Defibrillator und dessen Lage anhand einer Röntgenaufnahme.

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